DIY: Mit Kantenfräse und Kräuterschnaps zum eigenen Boot

Ob Taschenmuschis für den letzten Mann auf Erden oder Poledance für Warlords – bei Business Punk nehmen wir die Dinge gern selbst in die Hand, um für die drohende Postapokalypse gewappnet zu sein. Warum nicht mal ein Boot selbst bauen? Was Noah kann…

von Teresa Feldhoff

Diese Reklame aus den 90ern: Mein Haus, mein Auto, mein Boot – ich liebe es. Und lebe es! Haus? Zumindest eine Altbau-Mietwohnung, also check. Auto? Ein Firmenwagen, check. Was fehlt, ist das Boot. Darum trifft es sich gut, dass auf meinem Handtelefon dieser Termin erscheint: „Anreise Kanubauworkshop Peenetal“.

Getrieben von der Aussicht, mein Statussymbolportfolio endlich zu vervollständigen, erreiche ich die Villa Eden. Deren Besitzer begrüßt mich mit leichtem Handtuch bekleidet in kerniger Meck-Pomm-Attitüde. Letzter Saunagang. Umgeben von selbst gezimmertem Außenmobiliar – sein Pavillon, seine Theke, sein Pool, sein Schwitzraum –, bin ich beflügelt zu emanzipiertem Handwerk.

Ich heirate eine Säge

Mit Blick auf ihre Gummistiefel-Outfits erkenne ich zwei Gleichgesinnte, die ebenfalls gerade anreisen. Am Abend dezentes Beschnuppern am Lagerfeuer. Einer fehlt noch. Vier Personen, drei Boote. Das ist der Plan für die kommende Woche. Serbe Nikola Raspopovic wird uns alles zeigen, er hat lange in Porto gelebt, spricht sechs Sprachen fließend, überlässt die Worte jedoch seiner Partnerin Lisa. Dann krieche ich in mein Zelt.

Dienstbeginn ist früh um neun. Ausgerollte Pläne, Zeichnungen unterschiedlichster Kanutypen. Wir stellen Böcke auf, richten unter Nikos Anleitung Balken akkurat aus. Es folgen viele Bleistiftstriche, 35er-Schrauben und zugesägte Spanten; das A und O des Bootsskeletts. Beim Spannen der Richtschnur zählt das Augenmaß des serbischen Meisters. Ich bereite Holztäfelchen vor, auf denen ich den Alkohol- und Kuchenkonsum der nächsten Tage dokumentieren will.

Tag zwei: Leisten. Schraubzwingen. Leim. Hochgelobte Japansäge. Ziehen, nicht drücken. Nach einigen Versuchen und blutigem Tattoo am Handballen wird sie zur BFF. Mit Villenherr Thomas tausche ich meine angebrochene Zigarettenschachtel gegen zwei Schafsfelle. Guter Deal, das frostige Leben im Zelt habe ich unterschätzt.

Die „MS Untenrum“ macht schon als Rohbau ohne Stoffbespannung einen stattlichen Eindruck

Tag drei lässt uns die Tücken des Amazonas des Nordens spüren. Mückenstiche paaren sich mit nächtlicher Kälte, Nachdurst und harter Anstrengung. Es wird ausgebessert, gesägt, geschliffen, Winkel vermessen. Nach kurzem Respekt vor einem mir unbekannten unterarmgroßen, surrenden Gerät lasse ich es sanft die

Leisten runtergleiten. Jegliche Art von Splittern kann den später aufgezogenen Stoff behindern. Ich bin verliebt und möchte dem Erfinder der Kantenfräse das Ja-Wort geben. Wir ölen die Boote – und tun es auch selbst, weil aus klammen mecklenburgischen Nächten überraschend heiße Tage erwachsen. Der pragmatische Österreicher in der Gruppe schneidet sich die Stahlkappenschuhe mit der Japansäge zu Sandalen zurecht.

Erst pinseln, dann paddeln – beim Kanubau-Workshop von Urban Indian entsteht durch eigene Hand in einer Woche ein eigenes Boot

Der Stoffbezug des Boots erinnert an die Restekiste bei Ikea. Er soll uns vor Angreifern in Form von Geäst oder Reptil beschützen. Skepsis. Bewaffnet mit Tackerpistole, Zange und einem zünftigen Schluck aus der Molle, stelle ich mich der Challenge: 4 000 Schüsse. Eine Bewegung. Mit Kraft ziehen, spannen, tackern. Nach vier Stunden weiß ich weder, ob meine Hand noch intakt ist, noch, ob das Tackergeräusch in meinem Kopf jemals verschwindet. Abends zeigt uns der Physiker in unserer Bootsbaugruppe wissenschaftliche Kunststückchen. Eier verschwinden in Weinflaschen, der Wein in uns.

Boote fisten und ab zum Gützkower Schützenfest

Freitag. Der brünstige Eber brachte mich um den Schlaf, die anderen Teilnehmer kraxeln auch eher zerrüttet aus Bauwagen und Dachbodenhöhle. Im Vorbeigehen drückt Niko mir einen Bohrer plus Mixeraufsatz in die Hand, und McGyver weiß, was zu tun ist. Anrühren. Es wird gepinselt. Eine spezielle Dachfarbe wird verwendet, um den Stoff wasserundurchlässig zu machen, nach dem Trocknen gibt es ein weiteres Farbenkleid. Langsam schaltet das Gehirn aus.

Bei der Erklärung zum richtigen Faustgriff benutze ich das Wort „Fisting“, und die Stimmung steigert sich in absurden Stumpfsinn. Meister Niko resigniert. Wir entscheiden uns zu einem spontanen Sprung in den nah gelegenen See, die Pommes Schranke vom Büdchen können wir später bezahlen, wir kommen bestimmt zur Disco, oder? Am Lagerfeuer werden Raucher zu Kiffern, Wein zu Whisky und Fremde zu Freunden. Wir enden auf dem Gützkower Schützenfest.

Das fertige Kanu samt stolzer Besitzerin

Samstag. Der Kopf brummt. Wir ergötzen uns an Fotos der vergangenen Nacht, fragen uns, wer den ganzen Jägi bezahlt hat, fisten unsere Boote mit der zweiten Farbe, belegen Pizzen für den Steinofen und lauschen derweil den Klängen der Harfe spielenden Hausfreundin.

Der letzte Tag. Jungfernfahrt. Moor. Stille. Das wendige Gefährt in den Hüften lindert jegliche Leiden des jungen Werfters. In der Abenddämmerung mache ich mich mit der 13 Kilogramm leichten „MS Untenrum“ auf den Heimweg. Mein Boot, es liegt friedlich auf dem Dach meines Autos, auf dem Weg zu meinem Haus. Ja, die 90er kommen zurück. Und ich bin glücklich.


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