Mike Merrill ist eine Firma und überlässt jede Lebensentscheidung Investoren

Seit knapp zehn Jahren ist Mike Merrill eine Firma. Das Produkt: er selbst. Warum überlässt jemand restlos jede Entscheidung in
seinem Leben Investoren?

Am Morgen des 3. November 2017 macht Mike Merrill das, was die allermeisten Menschen tun, die ihm ein bisschen ähnlich sind. Menschen, die wie Merrill Jobs in der Medienbranche haben, 40 Jahre alt sind und – er ist vor ein paar Monaten von Portland nach Los Angeles umgezogen – urbane Gegenden ihr Zuhause nennen. Also: Mike Merrill wacht auf und greift nach seinem iPhone, um Aktien zu checken. Genauer: Er checkt die Aktie mit dem Namen KmikeyM, einen Kurvenverlauf, der darstellt, wie viel Merrill selber gerade wert ist. Guter Morgen: 5,29 Dollar pro Anteil an ihm, Höchststand seit dem 1. Juni. Merrill ist zufrieden. „Ich bin süchtig danach, den Preis zu kontrollieren. Wenn er fällt, nimmt mich das richtig mit“, sagt er. „Ich frage mich dann: Was habe ich falsch gemacht?“ Der morgendliche Kontrollgriff zum Telefon ist festes Ritual. Dass er dabei nach wie vor ein iPhone in der Hand hält, ist natürlich nicht seine Entscheidung: Der vorgebrachte Antrag auf Wechsel zum Betriebssystem Android, das in der Anschaffung wirtschaftlicher ist, wurde im Februar von 55 Prozent der rund 620 Aktionäre zurückgewiesen. Die Diskussion der Investoren kann man noch im Kommentarverlauf auf seiner Website nachlesen: „If something isn’t broke, why fix it?“, fragt ein Anleger mit dem Namen csdavis08.

Seit bald zehn Jahren geht das schon so: Investoren haben je nach Anzahl der Aktien, die sie halten, Einfluss auf die täglichen Entscheidungen jenes Menschen, der sich hinter der Körperschaft KmikeyM befindet. Kenneth Michael Merrill, Sohn streng religiöser Eltern, aufgewachsen in Coldfoot, einem Ort im US-Staat Alaska, der nie mehr als ein Dutzend Einwohner hatte.

Zehn Jahre, das muss Merrill sich immer wieder selber in Erinnerung rufen. Er vergleicht gerne seinen Stand mit dem Kurs von am Nasdaq oder Dow gehandelten Unternehmen. Denn in dem Zeitraum sind Konzerne mit riesig viel Kapital und Pomp gegründet worden und wieder eingegangen. In dem Zeitraum kratzte seine Aktie ab und zu an der 20-Dollar-Marke und stand so immer mal wieder über denen von Yahoo, American Airlines oder General Electric, obwohl er kein Produkt und keinen Service bietet. Allenfalls eine Art Experiment für – ja, wen eigentlich? Merrill erinnert sich an den Januar 2008, als er 100 000 Aktien zu je 1 Dollar ausgab und vor allem enge Freunde und Familienangehörige sich bei ihm einkauften. Vielleicht aus ehrlichem Interesse. Vor allem aber wohl, um nicht wildfremden Sadisten zu ermöglichen, dass sie ihren lieben Querkopf Mike ins totale Verderben voten.

Foto: Jaclyn Campanaro

Freundin soll Aktien kaufen

Denn warum zur Hölle lässt jemand das mit sich machen? Merrills Gegenfrage: „Warum nicht?“ Und damit ist man schon bei einem ganz wesentlichen Punkt: Der Mann trägt eine gute Portion Trotz mit sich rum. Zuerst aber mal will er beruhigen: Die Entscheidungen und Abstimmungen sind ja immer vorrangig darauf ausgelegt, den Wert an ihm zu steigern – so musste er Klavier und eine Fremdsprache lernen, sich als ernährungsbewusster Vegetarier durchschlagen und durfte jahrelang nur Anzüge von Brooks Brothers tragen. Dennoch wird immer mal wieder unangenehm tief in die Privatsphäre eingegriffen. Beispiel? Im August 2008 wurde von Aktionären darüber abgestimmt, ob er sich einer Vasektomie unterziehen soll. Kinderlosigkeit, argumentierten Anleger, soll die Karrierechancen steigern. Dennoch waren 55 Prozent der Meinung, dass, puh, Fortpflanzung für Merrill nach wie vor infrage kommen darf. Als seine damalige Freundin nicht damit einverstanden war, dass er mit den Top­aktionären so viel und mit ihr so wenig Zeit verbrachte, schlug Merrill ihr vor, einfach mehr Anteile an ihm zu kaufen. Tja: Bis zum 21. November hatte er eine weitere Freundin, auch genannt „Aktionärin Nummer 160“. Im Frühjahr wurde darüber abgestimmt, ob die beiden Urlaub auf Hawaii oder im weitaus budgetfreundlicheren Mexiko machen dürfen. Am Ende ging es nach Mexiko, auch wenn Aktionär Brendan Jones, immerhin 50 Aktien stark, argumentierte, dass vorrangig das Wohl des Investmentgegenstands zu schützen und ein Aufenthalt südlich der US-Grenze viel zu gefährlich sei. Als neulich das Ende der Liebesbeziehung bekannt gegeben wurde, zeigten sich die restlichen Aktionäre verständnisvoll und kauften ihre Anteile fix zu 5 Dollar das Stück auf.

Noch einmal: Warum lässt sich einer so in seiner Freiheit beschneiden? Weil Mike Merrill zu 100 Prozent überzeugter Sonderling ist. Seine Kindheit bestand aus endlos dunklen Winterabenden in Polarnähe, die mit Brettspielen gegen seinen Bruder verbracht wurden. Merrill fragte sich dabei, wie man die Regeln ausreizen könnte. Wie man mit allergrößter Konsequenz ein Prinzip bis in alle Ewigkeit reitet. Später, als Merrill schon in der schratfreundlichen Stadt Portland lebte, hatte die europäische Künstlergruppe Etoy.corporation großen Einfluss auf ihn.

Von Portland nach Los Angeles ziehen – ohne die Aktionäre zu fragen?

Konzepte, Prinzipien, Regeln – das ist der eine Aspekt, mit dem Merrill sich akribisch befasst. Dazu kommen Menschen, die nicht immer das richtige Maß kennen: „Es gab in den Neunzigern diesen Franzosen: Jean-Marie Messier. Der hat sich damals einen Energieanbieter gekrallt und wollte den Konzern in einen Mediengiganten umwandeln.“ Aus der Ferne hat das Merrills Fantasie gekitzelt: „Da nimmt jemand richtig Geld in die Hand, greift eine ganze Branche an, auch wenn das in Messiers Fall am Ende völlig in die Hose gegangen ist. Aber solche Leute haben mich immer inspiriert.“ Für Merrill war also nur klar, dass er ein solch einmaliges Vorhaben wie das seine mit allerletzter Konsequenz betreibt. Einer Konsequenz, die die Anleger von ihm erwarten, weil sonst das Prinzip verletzt werden würde. Und das ist dann auch der Grund, warum er ein Tattoo mit dem Namen Alex Mahan auf der Haut hat. Der Anleger Mahan hatte genügend Geld zugeschossen und anschließend abstimmen lassen, um sich auf Merrill verewigen zu können.

Neulich gab es Ärger, weil Merrill einfach so von Portland nach Los Angeles zog. Ohne vorher die Aktionäre zu fragen. Das stellte einen Skandal dar, „viele meinten, sie hätten das Vertrauen in das Unternehmen KmikeyM verloren, wenn sie nicht über solche grundlegenden Sachen abstimmen können“. Einige sprangen enttäuscht ab, was dem Aktienpreis nicht guttat und weshalb Merrill nur ungern am Morgen seinen Kurswert kontrollierte. Dabei ist klar, dass Los Angeles der viel bessere Standort für Mike Merrill ist. Er hat hier einen Job bei der Medienagentur Sandwich Video, wo er „eine Mischung aus Office-Manager und Operations-Typ“ ist. Was ist man dann? Wusste Merrill selber nicht. Er ließ sich den Hihi-Titel „Major Domo“ auf die neuen Visitenkarten drucken. Jedenfalls haben ihm die Aktionäre den Alleingang nicht so schnell verziehen: Als er für die neue Wohnung ein Bett kaufen wollte, musste er vorher erst einen Antrag einreichen, über den dann abgestimmt wurde.


Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder